Jul 5th, 2008
46 Stunden in Liberty City
Vor einigen Wochen habe ich zur Veröffentlichung von Grand Theft Auto 4 angekündigt möglicherweise einen umfangreicheren Text zu diesem Spiel zu veröffentlichen sobald ich die Story-Missionen hinter mir habe. Nun, nach knapp 46 Stunden Spielzeit bin ich damit durch und habe das Spiel damit laut offizieller In-Game-Statistik zu 68% durchgespielt. Dieser geringe Prozentsatz ist nicht weiter verwunderlich für Leute die GTA kennen. Ich könnte jetzt sicherlich noch einmal dreißig Stunden damit zubringen jede letzte Ecke zu erkunden und jede noch so stupide Tätigkeit durchführen (200 Tauben ermorden?) um an die 100% und damit an das begehrte Key To The City Achievement zu kommen. Das Szenario reizt sicherlich nur die Hartgesottenen, was mich nicht einzuschließen scheint.
Ich möchte im Folgenden das Spiel weniger von seiner sehr guten technischen Seite, als vielmehr von der erzählerischen und spielerischen Seite her betrachten und aufzeigen was mir besonders gut oder auch nicht so gut gefallen hat. Ich fürchte ich komme nicht umhin ein paar Spoiler einzubauen die aber den Spaß an der Story nicht ruinieren sollten.
Das wirklich herausragende an GTA IV sind diesmal die Charaktere und die Story die um diese herum erzählt wird. Die vom Spieler übernommene Hauptfigur Niko Bellic, serbischer Einwanderer und Bürgerkriegsveteran kommt nach Liberty City auf der Suche nach dem Amerikanischen Traum und einer gewissen Person mit der er eine Rechnung zu begleichen hat. Sein Cousin Roman, Taxiunternehmer und bereits seit einigen Jahren in der Stadt, lebt bereits diesen Traum. Zumindest aus seiner Perspektive: Es gibt Essen im Überfluss, fette Autos und überall weiblich Brüste zu bewundern. Da ist die Tatsache dass er von Kleinganoven schikaniert wird eigentlich nur eine Nebensächlichkeit. Was ist schon eine Entführung unter Geschäftsfreunden? Niko, der seinen Cousin von diesen Verbrechern bedroht sieht, will ihm natürlich helfen und begibt sich bereits kurz nach seiner Ankunft auf die schiefe Bahn und begeht die ersten Gewaltverbrechen. Zunächst noch mit der Aussicht seinen Cousin aus der wie er recht schnell feststellt, selbstverschuldeten Misere zu befreien, später jedoch aus Eigennutz und der Gier nach Reichtum, Ansehen und der Erfüllung seines Amerikanischen Traums.
Im Verlauf der Story lernt Niko viele Charaktere kennen mit denen er neben der Erfüllung von diversen Aufgaben auch Freundschaften schließen kann und diese auch pflegen muss um sie aufrecht zu erhalten. Herausragende Figuren sind z.B. der ständige bekiffte Rastaman Little Jacob der mit einem fast unverständlichen Patois-Dialekt mit Niko spricht und bei diesem zunächst auf verbales Unverständnis trifft bevor sich im Verlaufe der Story eine Freundschaft zwischen den ungleichen Immigranten entwickelt. Da ist Dwayne der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde um festzustellen, dass sein ehemaliger Zögling nicht daran denkt das Geschäft wieder seinem Mentor zu überlassen. Gebrochen und depressiv ist der Neuankömmling Niko der einzige Freund den der früher so mächtige Dwayne in Liberty City noch hat. Neben diesen Männerfreundschaften entwickeln sich, wenn man dies möchte auch Freundschaften zu weiblichen Charakteren die sich im weiteren Verlauf auch zu einer Art Beziehung entwickeln können. Folgt man dem Verlauf der Story bis zum Schluss begreift man, dass das Eingehen dieser Beziehungen zu den beiden weiblichen Hauptcharakteren eine wichtige Zutat darstellt, die die Entwickler eingesetzt haben um der Geschichte Tiefe zu verleihen (Spoiler: Es ist eine fragwürdige Entscheidung der Entwickler, Niko von Michelle reinlegen zu lassen. Das Interesse an einer weiteren Liebesbeziehung in GTA nimmt dadurch doch stark ab, zumal diese recht zeitintensiv ausfallen).
Und genau hier liegt eigentlich auch die Hauptproblematik von GTA IV. Das Spiel möchte dunkler, realistischer wirken als seine Vorgänger und setzt dabei darauf, dass der Spieler sich als Protagonist auch entsprechend verhält. Wer dies, wie vermutlich die große Mehrheit der Spieler, nicht tut dem wird es schwer fallen die Story in ihrer angestrebten Ernsthaftigkeit glaubwürdig zu finden. Niko erzählt uns immer wieder während der Missionen und Verabredungen mit seinen Freunden von den Schrecken des Bürgerkrieges die ihn gezeichnet haben, von den schlimmen Dingen die er getan hat und der Hoffnung dies nun alles hinter sich zu lassen. Ironischerweise tut er dies während der Spieler Niko mitunter dazu bringt Fußgänger zu überfahren, arglose Passanten zu verprügeln, Gangster zu erschießen, Banken zu überfallen und die vielen anderen Dinge zu tun, die einem in Grand Theft Auto bisher auch Spaß gemacht haben. All dies ist ja nach wie vor möglich und wird nicht härter bestraft als in den Vorgängern. Wenn ich mich als Niko entscheide die Beziehungen zu den beiden Herzensdamen im Spiel nicht einzugehen, fällt der gewollte “emotional impact” in den letzten Stunden des Spiels auch eher gering aus. GTA IV ist auf gewisse Weise mehr ein Rollenspiel, im wahrsten Sinne des Wortes, als noch GTA: San Andreas mit seinen eher formal einem Rollenspiel entlehnten Elementen wie der Möglichkeit den Umgang mit Waffen zu verbessern oder dem veränderbaren Aussehen der Hauptfigur. So interessant der Charakter des Niko diesmal ausgefallen ist, umso unglaubwürdiger wird er durch das Korsett das ihm durch die Gesetze der GTA-Serie aufgezwungen wird.
Eine Chance die Figur etwas glaubwürdiger zu gestalten hätte sich aber tatsächlich ergeben können. Niko gerät in die Hände eines Mitarbeiters einer im verborgenen arbeitenden Regierungsorganisation und muss für diesen Aufträge erfüllen. Dies hätten den Machern eigentlich eine gute Gelegenheit geboten Niko als V-Mann auf die “gute Seite” überlaufen zu lassen. Leider stellt sich die der Kontaktmann, wie sollte es anders sein im GTA-Universum, als Korrupt heraus und nutzt Nikos Dienstleistungen ausschließlich zur Verfolgung seiner eigenen Ziele.
GTA IV ist mit Sicherheit das beste Spiel aus der erfolgreichen Serie. Der Anspruch eine erwachsene Story mit glaubwürdigeren Charakteren zu schaffen ist allerdings aus meiner Sicht nur teilweise gelungen, was zum großen Teil dem Gamedesign selber zu verdanken ist, das GTA überhaupt hat so erfolgreich werden lassen.

Wow. Prima geschrieben! Großartig.
Ich kenne die Vorgänger nicht (und werde auch GTA IV nicht spielen), aber Dein Bericht war ausgesprochen verständlich und nachvollziehbar für mich. Du hast genau meine Fragen beantwortet, die ich Dir nie gestellt habe. Und es macht auch Spaß, den Bericht zu lesen.
Wirklich erste Sahne, großartiger Schreibstil. Auch die Länge des Artikels finde ich optimal.
Danke für das Kompliment. Es freut mich, dass der Artikel Dir gefallen hat. Hatte ihn auch länger in der Mache und bin heute erst dazu gekommen ein vernünftiges Ende zu finden, zumal man über GTA noch viel hätte schreiben können.
Wow, nice review! Is geil geworden, Sito, großes Lob an meinen Brother-in-virtual-Arms.
Speziell in dem Punkt mit Michelle muss ich dir absolut Recht geben: Ist mir zwar nie so deutlich aufgefallen warum, aber wenn später im Verlauf des Spiels Frauen angerufen haben war ich mit der roten Auflegen-Taste immer recht schnell bei der Hand…
Ich stimme eigentlich in allen Punkten mit dir überein, obwohl sie mir teilweise nicht so gravierend erscheinen. Die Tiefe der Story ist mir beispielsweise einfach nicht so wichtig wie das Gänsehaut-Gefühl was sich einstellt wenn ich zu Trance-mäßigem Ambient-Sound aus dem Radio die Uzi aus dem Autofenster schwinge (welches ich davor noch stilecht mit dem Ellbogen raushaue… Ooooh diese Detailverliebtheit… *schmilz*) und eine kleine Drive-By Schiesserei mit den Bullen anfange, woraufhin die restlichen Passanten schreiend und fluchend das Weite suchen… Geanu wegen solchen Momenten liebe ich die Serie und finde, dass die Entwickler sich im IVten Teil in Sachen Detailgrad, Grafik und Atmosphäre nochmal deutlich steigern konnten.
Für mich ist GTA IV der Beginn einer neuen Ära im GTA-Universum, wobei ich mir sicher bin, dass die neuen Plattformen und ihre technischen Möglichkeiten noch lange nicht ausgereizt sind. In diesem Sinne als “Erster Teil” der “neuen” Serie verstanden, haben die Rockstars es bravourös hingekriegt, die wichtigsten Elemente zu übernehmen und sogar noch zu verfeinern. Ich bin gespannt, was sie sich nun für die nächsten Teile alles einfallen lassen.
Von daher: Ein Hoch auf GTA! ALL HAIL THE HYPNO-TOAD!!! BRRRRZZZZBBBBRRRRRRZZZZ
P.S.: Wenn du die Story ohne Umschweife und ganz cinematisch nochmal erleben willst, kann ich dir nur das “Liberty City Zeitraffer”-Achievement ans Herz legen: Wenn du die Story in 30 Stunden komplettierst, wird sie denke ich glaubwürdiger, genau weil du nebenher nicht diesen ganzen “Quatsch” machst, der nicht in die Handlung und zum Character passt.
Vielleicht interessiert Dich dieses Video von TED. Ein knapp 20-minütiger Vortrag von einem der Leute, die ein System zur Simulation natürlicher Bewegungsmuster nach biologischem Vorbild geschaffen haben. Dieses System wird angeblich auch in GTA4 eingesetzt. Der Vortrag ist von 2003, also siehst Du hier die ersten Entwicklungen:
http://www.ted.com/index.php/talks/torsten_reil_studies_biology_to_make_animation.html
[...] Theft Auto IV hatte mich zunächst nicht weiter interessiert, schließlich hatte ich bereits gut 46 Stunden in Liberty City verbracht und war eigentlich erst einmal “satt”. Auf ausdrückliche Empfehlung eines [...]